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Nov 29 2013

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ISON oder Schrödingers Komet

Komet ISON während des Perihels im Blickfeld von STEREODer gestrige Vorbeiflug von C/2012 S1 ISON gehört für mich zu den spannendsten Erlebnissen in der Wissenschaft seit langem. Vergleichbar war die Situation mit dem Einschlag von Shoemaker-Levy 9 1994 auf Jupiter, wo die ARD damals in einem Brennpunkt, exklusiv eine Sondersendung vom Kometencrash brachte. Zu jenem Zeitpunkt sollte das größte Bruchstück des Kometen auf den Riesenplaneten einschlagen. Moderiert wurde die Sendung übrigens vom 19 Jahre jüngeren Ranga Yogeshwar. 😀 Und obwohl es dort keine aktuellen Bilder von dem Ereignis zu sehen gab, war die Situation vergleichbar mit der Perihelpassage von ISON am 28. November 2013. Denn gestern konnten, Dank des Internets, Millionen Menschen in aller Welt verfolgen, wie sich ISON in den Gesichtsfeldern der Sonnensonden STEREO und SOHO langsam unserem Zentralgestirn annäherte. Ich hatte das Glück, die Passage auf verschiedenen Webseiten sowie bei Twitter Live zu verfolgen. Der Ansturm der Interessierten Kometenbeobachter war so groß, dass sie zeitweise die Server der NASA in die Knie zwangen, so dass man oft lange auf neue Bilder von SOHO warten musste. Dagegen gab es nur mehrere Stunden alte Bilder von der ESA, die zusammen mit der NASA die Raumsonde SOHO betreiben.

Komet ISON erreicht die Sonnennähe

Komet ISON erreicht sein Perihel – SOHO LASCO C2 Sequenz © ESA/NASA

Kurz vor der dichtesten Annäherung an die Sonne zeigte der Komet ein Verhalten, was schon bei vielen Sonnenstreifern beobachtet wurde. Er wurde znehmend schwächer und man befürchtete, dass sich der Kern vollständig auflöst. Die Koma verschwand und es zeigte sich eine Helligkeitspitze im Schweif des Kometen. Das war bis kurz vor 21:30 Uhr auch für Kometenexperten ein Zeichen, dass ISON in Auflösung begriffen ist. In der Twittergemeinde gab es schon die ersten Trauerreden auf den Abgesang des „Jahrhundertkometen“. Und selbst Wissenschaftler der NASA, die in einem so genannten Hangout – unter anderem mit Philip Plait (Badastronomy.com) – auf NASA-TV den Periheldurchgang Live kommentierten, waren wohl dieser Ansicht, da auch auf den Bildern der Sonnensonde SDO nichts vom Kometen zu sehen war. Aber wie so oft verhalten sich Kometen unberechenbar, so auch ISON.

SOHO LASCO C3

SOHO LASCO C3 Bild vom 29. November 2013 mit Komet ISON, der Sonne und Antares (unten links)

Kurze Zeit später wurden auf  Twitter Rohbilder des Lasco C2-Gesichtsfeld auf SOHO veröffentlich, die etwas zeigten, was auf der Bahn von ISON hinter der Sonne hervorkam. Offensichtlich hatte ein kleines Kernfragment die Perihelpassage überstanden. Oder war es nur die Staubwolke von ISON, die auf der Bahn des zerstörten Kometen weiter zog? Zu diesem Zeitpunkt verbreiteten die Medien in einer Pressemitteilung schon den Tod des Kometen. Aufnahmen von SOHO LASCO C3, die kurz nach Mitternacht am 29. November veröffentlicht wurden, zeigten einen Kometenrest, der beständig heller wurde und gegen Morgen die Helligkeit des Sterns Antares im Skorpion erreichte. Zu sehen war auch ein zweigeteilter Staubschweif.
Nun bleibt abzuwarten, wie sich ISON weiter entwickelt. Denn immer noch ist unklar, wie und ob der Komet überhaupt bei uns am Himmel mit bloßem Auge zu sehen ist. Mit viel Glück wird ISON eine Show abliefern, wie damals Komet Lovejoy im Dezember 2011, der am Südhimmel sichtbar war. Aktuelle Infos und Aufsuchkarten gibt’s z.B. auch auf meiner Homepage.

Komet Lovejoy am 22. Dezember 2011 über Santiago/Chile © ESO/Yuri Beletzky

Komet Lovejoy am 22. Dezember 2011 über Santiago/Chile © ESO/Yuri Beletzky

Am kommenden Dienstag,  dem 3. Dezember 2013, sind die Kometen, u.a. auch ISON, das Thema der Sendung bei „Quarks & Co“ im WDR. Die Sendung kann dann auch als Video-Podcast heruntergeladen werden.

Weitere Informationen gibt’s in Jan Hattenbachs Artikel zur gestrigen Perihelpassage sowie in seinem Blog „Himmelslichter“ und in Daniel Fischer Blog „Skyweek 2.0„.

Update:

Die letzten Bilder von SOHO, auf dem ISON noch zu sehen ist, machen wenig Hoffnung, dass wir vom Kometen überhaupt noch was zu sehen bekommen. ISON ähnelt nun immer mehr einer lang gezogenen Staubwolke, die sich immer mehr auflöst. Ich schätze, dass wir den „Jahrhundertkometen“ nun endgültig zu Grabe tragen können. 🙁

20131130-133620.jpg

ISON verschwindet langsam aus dem SOHO Blickfeld und löst sich auf

Wir brauchen aber trotzdem nicht traurig sein: Nahezu unbeachtet vom Kometenrummel um ISON ist der Komet C/2013 R1 Lovejoy momentan ein schönes und vor allem helles Feldstecherobjekt. Er kann am frühen Abendhimmel und vor allem am Morgenhimmel aufgefunden werden. Auf meiner Kometenseite gibt es mehr Infos, Ephemeriden und Aufsuchkarten zu Lovejoy.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://blog.aschnabel.bplaced.net/2013/11/ison-oder-schroedingers-komet/

1 Kommentar

1 Ping

  1. Theresa

    Wer und was durch den Kometen noch zu Grabe getragen werden wird, wird sich noch zeigen.

    Es bleibt spannend.

    Gruss von

    Theresa.

  1. Allgemeines Live-Blog ab dem 29. November | Skyweek Zwei Punkt Null

    […] von Radioemission durch das 30-m-Teleskop und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier – und als Alternative vom Kometen Lovejoy Bilder vom 25.11. mit M 63, heute und mit […]

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