«

»

Jun 10 2014

Beitrag drucken

Die erste Nacht unter dem südlichen Sternenhimmel

Zwischen dem 24. Mai und 3. Juni 2014 verbrachten mein Astrokumpel und ich unseren Urlaub auf der Southern Sky Guest Farm Tivoli in Namibia. Es war unser 1. Aufenthalt unter dem Kreuz des Südens. Seit unserer Ankunft auf der Gästefarm am Sonntag Nachmittag, hatten wir kaum geschlafen. Aber an Schlafen war nicht zu denken, denn viel zu aufgeregt waren wir, endlich den südlichen Sternenhimmel zu beobachten. Die Sonne ging an jenem Abend kurz nach 17:15 Uhr unter und wir waren überrascht, wie schnell die kurze und besonders farbenfrohe Dämmerung über die Savanne von Namibia hereinbrach. Wir genossen den Sonnenuntergang an unserer schon für die kommende Nacht vorbereiteten Dobson-Beobachterplattform.

Die südliche Milchstraße

Single-Shot Aufnahme der südlichen Milchstraße mit dem hellen Zentrum in Zenitnähe

Am späten Nachmittag hatte uns Reinholds Sohn einen Tisch und zwei Stühle bereitgestellt. Den schweren Tubus des 12,5 Zoll ICS-Dobsons trugen Reinhold und ich zusammen auf den Platz. Uwe übernahm die Rockerbox und den Beobachterstuhl, der sich allerdings als defekt erwies. Ein Ersatz war aber schnell aufgetrieben. Kurz vor dem Abendessen guckten wir in den Himmel und konnten schon das Sternbild Orion, auf der Seite liegend, über dem westlichen Horizont ausmachen. Ich entdeckte auch Sirius und meinen 1. südlichen Stern: Canopus im Sternbild Schiffskiel. Tief im Westen leuchtete noch Jupiter im Sternbild der Zwillinge. Um 17:30 Uhr gab es schließlich ein sehr geschmackvolles Abendessen mit einer köstlichen Vorsuppe, Hauptgang und Nachtisch.

Die südlichen Sternbildern

Blick in Richtung Süden mit den südlichen Sternbildern

Wir wurden immer unruhiger und rutschten nervös auf unseren Stühlen herum, denn schließlich war auf Tivoli schon die dunkle Nacht hereingebrochen. Wir verabschiedeten uns von unseren Kameraden und nahmen die belegten Pausenbrote für die kommende Nacht in Empfang. Als ich endlich aufstand und in die Dunkelheit hinaustrat, spannte sich die südliche Milchstraße schon hoch über unseren Köpfen. Sofort entdeckte ich das Kreuz des Südens mit dem Kohlensack, welches über dem Wipfel eines Baumes stand. Ein schier überwältigender Anblick! Links neben dem Kreuz konnte ich Alpha und Beta Centauri ausmachen. Die übrigen Sternbilder erschienen mir äußerst fremdartig. Die Region um das Sternbild Schiffskiel und Centaurus war ein einziges Lichtermeer heller und schwächerer Sterne, gespikt mit Lichtflecken, die offene Sternhaufen oder Nebel zu sein schienen. Ich hatte Schwierigkeiten, den auf den Kopf stehenden Löwen und das Sternbild Jungfrau zu identifizieren.  So fremdartig und eigenartig erschienen mir die bekannten Sternbilder. Dicht über dem Westhorizont funkelten noch  Sirius im Großen Hund und etwas höher, und nahezu gleich hell, der Stern Canopus im Sternbild Schiffskiel. Hoch im Südosten stand das Sternbild Skorpion vollständig mit Stachel am Firmament. Daneben lag der Schütze, mit dem unbeschreiblich  hellen Zentrum der Milchstraße, das aus zahlreichen Dunkelwolken bestand. Südlich vom Schützen entdeckte ich die Südliche Krone. Als ich auf unsere Lodge zuging, bemerkte ich etwas tiefer im Süden einen hellen und ziemlich großen Lichtfleck. Das musste also die Große Magellansche Wolke sein, die sich noch rund 20 Grad über dem Horizont befand. Ich versuchte auch die Kleine Magellansche Wolke aufzufinden, was mir aber nicht gelang.

Blick in Richtung Westen

Blick in Richtung Westen mit den markanten Tivoli-Palmen

Wir liefen schnell ins Haus und packten unsere Ausrüstung zusammen. Auf Aufnahmen mit der Astrotrac verzichtete ich, da ich den südlichen Sternenhimmel erstmal kennen lernen wollte. Zügig gingen wir zu unserer Beobachterplattform und sahen den Großen Wagen auf dem Kopf stehend tief über dem nördlichen Horizont liegend. Wir packten den Dobson aus und orientierten uns erstmal am Himmel. Einfach unglaublich, wie hell die Milchstraße am Firmament stand. Dort oben musste auch Omega Centauri zu finden sein. Ein schneller Schwenk auf den Kugelsternhaufen und wir vielen vom Glauben ab: Der riesiege, ovale Haufen nahm im 26 mm Nagler nahezu das gesamte Gesichtsfeld ein. Zentausende Sterne waren sichtbar. Die Zentralregion erschien wie ein Konglomerat aus unzähligen Zuckerkristallen. Auch im Fernglas erschien Omega Centauri prächtig und schon vollständig in Sterne aufgelöst – kein Vergleich mit dem „Paradeobjekt“ Messier 13 am Nordhimmel! Nun noch schnell ein Schwenk auf den Eta Carinae Nebel. Unglaublich wie einfach die riesige Nebelregion zu sehen war.

Sternenspuren

Sternenspuren um den südlichen Himmelspol (Gesamtbelichtungszeit 100 Min.)

Zahlreiche helle Nebelanteile und Dunkelnebel durchzogen das Gesichtsfeld unseres Übersichtsokulars. Mit höherer Vergrößerung sahen wir auch den Schlüssellochnebel. Bevor die Große Magellansche Wolke immer tiefer sank, schwenkten wir das Teleskop in Richtung unserer Nachbargalaxie. Der Tarantelnebel sprang sofort ins Auge und erschien tatsächlich wie eine Art Spinne. Beim Schwenk über die Galaxie entdeckten wir noch weitere unzählige Sternhaufen und Nebel, die zu beobachten, wohl eine gesamte Nacht in Anspruch nehmen würde. Anschließend stellten wir Centaurus A ins Okular und kippten fast vom Beobachterstuhl. Die Galaxie stand als rundes und besonders großes Objekt im Gesichtsfeld des 12 mm Nagler. Ein auffälliges und geteiltes Staubband durchzog die Galaxie genau in der Mitte, genau so, wie wir sie auf Fotos kannten. Einfach fantastisch. Unser handschriftlich geführtes Beobachtungsbuch verzeichnete an jenem Abend über 30 Objekte, überwiegend kugelförmige und offene Sternhaufen in den Sternbildern Schütze, Skorpion und Schiffskiel sowie in weiteren südlichen Sternbildern. Untermalt wurde das Ganze von den elektronischen Klängen der Space Night auf meinem iPad. Nach Mitternacht stieg auch die Kleine Magellansche Wolke endlich höher, so dass wir auch einen Blick auf den Kugelsternhaufen 47 Tucanae werfen konnten. Dieser erschien recht eindrucksvoll als besonders großer und heller Haufen. Der Zentralbereich des Haufens war so dicht und hell, dass wir ihn mit einer Art von unten beleuchteten Minioblate verglichen.

Das Kreuz des Südens zwischen Palmen

Das Kreuz des Südens zwischen Palmen

Kurz vor Mitternacht schnappte ich mir meine Canon EOS 600D mit dem Fischaugenobjektiv, die seit dem Beginn unserer Beobachtung mit Strichspuraufnahmen beschäftigt war, und machte einen Rundgang durch das Gelände. Ein erhabendes Gefühl stieg in mir auf. Ich sah das Kreuz des Südens zwischen den Palmenblättern stehen. In Zenitnähe stand das mächtige Zentrum unseres Milchstraßensystems hell und groß über meinem Kopf. Unsere Heimatgalaxie glich nun einer Galaxie, die wir direkt von der Kante sehen, mit einer hellen, breiten Bulge und einer Galaxienscheibe, die durch ein Staubband geteilt war. Am Nordosthimmel war auch schon das Sommerdreick über dem Horizont erschienen. Die Sternbilder Leier, Schwan und Adler standen auf dem Kopf. Dieser Teil der Milchstraße erschien mir im Vergleich mit den südlichen Teilen der Galaxis eher unscheinbar.

Wir beobachten noch bis kurz nach 3 Uhr morgens, und bemerkten, den mächtigen Zodiakallichtkegel im Osten aufsteigen, bis die Müdigkeit langsam die Oberhand gewann. Schließlich hatte wir seit ungefähr 48 Stunden kaum geschlafen. Wir packten daraufhin zufrieden ein. Schließlich hatte wir ja noch 7 Nächte vor uns und eine lange Liste mit Objekten, die wir noch unbedingt beobachten wollten.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://blog.aschnabel.bplaced.net/2014/06/die-erste-nacht-unter-dem-suedlichen-sternenhimmel/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>